Transkription und Edition der Vorlesungsmitschriften

Eine besondere Quelle für die Geschichte der Medizin stellen Mitschriften von medizinischen Vorlesungen dar. So gibt es eine große Anzahl von Vorlesungsmitschriften Albrecht von Graefes, dem Vater der modernen Augenheilkunde.

2017 begann ich, eine Vorlesungsmitschrift aus dem Jahr 1853 zu transkribieren. Die Herausgabe alter Texte dieser Art stellt uns tatsächlich vor viele Fragen und Herausforderungen.

Diese Texte gehen auf Vorträge Albrecht von Graefes in seiner Privatklinik in Berlin zurück. Die Hörer, fertige Ärzte oder Studenten, haben diese Vorträge auf verschiedene Art niedergeschrieben. Bei der von mir, im Rahmen meiner Promotion transkribierten Mitschrift spricht vieles dafür, dass es sich um eine ursprünglich stenographische Mitschrift handelt. Man findet Formulierungen wie „Meine Herren“, „Wir haben gestern besprochen“ usw. Letztlich lässt es sich jedoch nicht beweisen, da nur die Reinschrift vorliegt. Dies bedeutet, dass vermutlich jemand den Text in Stenographie festgehalten hat und anschließend daheim niederschrieb. Dies stellt zwar eine Möglichkeit dar, den originalen Vortrag Graefes wiederherzustellen, allerdings ergeben sich auch hier viele Probleme. Der Hörer kann sich verhört haben, oder bei der Niederschrift, als auch bei der Umschrift Fehler gemacht haben. Eher ironisch anmutende Fehler sind hierbei Beispiele wie „Netzhaus“ statt „Netzhaut“ und „Leichensystem“ statt „Linsensystem“.

Solche Fehler sind auch leicht auszumachen, aber es bleibt die Frage, inwiefern unerkannte Fehler aufgetreten sein können. Es ist auch nicht nachzuweisen, dass der Hörer wirklich konsequent dem Wortlaut Graefes folgte. Vielleicht war seine stenographische Mitschrift nicht so gut wie gedacht und er wusste gekonnt über diese Ungenauigkeiten hinwegzutäuschen.

Bei anderen Mitschriften, welche teilweise bereits publiziert, teilweise unpubliziert im Besitz des Medizinhistorischen Museums der Charité liegen, werden diese Herausforderungen noch deutlicher. Es handelt sich Großteils zwar um Reinschriften, welche sich wie Bücher lesen lassen, aber diese Reinschriften entstanden höchst wahrscheinlich aus mehr oder weniger detaillierten Stichpunkten.

Denke ich an meine eigenen Vorlesungsmitschriften aus meiner Studienzeit, so erscheint mir jeder Versuch, aus ihnen den genauen Wortlaut der Vorlesung zu rekonstruieren, wie ein unmögliches Unterfangen. Allerdings auch bei sehr ausführlicheren Mitschriften sind die Unterschiede gravierend. So hat Wolfgang Leydhecker eine Mitschrift von Graefes Vorträgen aus dem Wintersemester 1854/55 herausgegeben. Im Medizinhistorischen Museum befindet sich eine Mitschrift von Albrecht Nagel, auf dasselbe Semester datiert. Die Kapiteleinteilung ist gleich und bei einem synoptischen Vergleich erkennt man ohne große Probleme, dass beide Texte auf eine gemeinsame Quelle zurückgehen. Darüber hinaus sind die Unterschiede jedoch so groß, dass man davon ausgehen muss, dass mindestens einer der beiden Texte, wohl eher beide, aus einfachen Notizen heraus wieder in einen niedergeschriebenen Vortrag heraus rekonstruiert wurde.

Die Ausführlichkeit der Mitschrift hängt dementsprechend auch von der Zielsetzung des Hörers ab. Hat er sich nur wenige Notizen gemacht oder sehr ausführliche? Es gibt verschiedene Mitschriften von Graefes Operationskurs. Eine dieser Mitschriften ist deutlich kürzer und gebündelter als die anderen beiden Mitschriften. Die kürzere Mitschrift stammt aus früherer Zeit als die anderen beiden Mitschriften. Kann man davon ausgehen, dass Graefe seine Vorträge der Augenoperationen ausgebaut hat und immer ausführlicher wurde? Vielleicht auch, in dem er andere Vortragsreihen, wie die Physiologische Optik an Zehender abtrat? Oder kann man auch annehmen, dass der eine Hörer seiner Vorträge sich nur die wichtigsten Notizen machte, während die anderen Hörer weitaus mehr Stichpunkte aufschrieben? Diesen Fragen gehe ich aktuell im Rahmen meiner Forschung nach und ich hoffe sie in Zukunft näher beantworten zu können.

Klar erscheint allerdings schon jetzt, dass bei aller Bewunderung für Graefe auch die Ansichten oder Zweifel seiner Schülerschaft in den Texten verborgen ist. Dies reicht von an den Rand geschriebenen Kommentaren wie „Wilde Hypothese“ in der von mir editierten Mitschrift, bis zu subtileren Mitteln. So schwenkt der ansonsten im Indikativ niedergeschriebene Text eines Vorlesungskurses von 1859 für eine kurze Phase in den Konjunktiv („Graefe sagt, er habe […]“). Dahinter verbirgt sich eine subtile Kritik an Graefes Äußerungen.

Schließlich stellen sich auch viele Fragen bezüglich der genauen Transkription und Edition. Dass man sich in wissenschaftlichen Kreisen davor hütet, einen Text aus dem 19. Jahrhundert den heutigen Rechtschreibregeln anzupassen, sollte nicht zur Diskussion stehen. Die Frage stellt sich allerdings bei eindeutigen Schreibfehlern, eben wie bei dem oben erwähnten „Leichensystem“ oder auch bei kleinen Textausfällen oder falsch geschriebenen Namen. Auch bei unklaren Wörtern in der Handschrift stellte sich mir oft die Frage der genauen Wiedergabe. Manchmal ist klar, welches Wort gemeint ist, aber bei einem genauen Blick fehlt ein Buchstabe. Es kann auch scheinbar ein zusätzlicher Buchstabe eingefügt sein. Wer kennt es nicht, dass bei einem schnell geschrieben Text ein Buchstabe ausfällt oder schlecht lesbar erscheint. Sollte die Transkription das Erscheinungsbild des Textes en detail wiedergeben? Genauer, als der damalige Schreiber seinen eigenen Text las?

Ist das Ziel einer solchen Transkription und Edition die Rekonstruktion der Vorträge im genauen Wortlaut Graefes? Dann stoßen wir zum einen an die oben beschriebenen Grenzen. Zum anderen kann man, angesichts der großen Anzahl wissenschaftlicher Abhandlungen Graefes in seinem „Archiv für Ophthalmologie“ durchaus fragen, welcher Nutzen dahintersteckt. Dann könnte man den Versuch unternehmen, das Manuskript in all seinen Eigenheiten mit Schreibfehlern und Kommentaren herauszubringen. Je nach Text entstehen hierdurch allerdings für den heutigen Leser viele Unannehmlichkeiten wie Durchstreichungen und, bei einigen Wörtern, ein regelrechter „Buchstabensalat“.

Die Frage bleibt, worauf man den Fokus setzt. Auf die wissenschaftlichen Fakten der Vorträge, um die Entwicklung von Graefes Ansichten zu untersuchen? Auf die Reaktion der Hörenden zu Graefes Vorträgen und ihre Verarbeitung derselben in zustimmenden oder kritischen Äußerungen? Vielleicht auch, wie sie die Zeit bei Graefe in ihrem späteren Wirken geprägt hat? Oder vielleicht allgemein die Art des Unterrichtes, welche vielleicht ein ebenso wichtiger Faktor für die große Anziehung von Albrecht von Graefes Vorlesungen war.

In den bislang von mir transkribierten und herausgegebenen Mitschriften findet sich kein Dialog mit den Hörenden. Doch wir wissen, dass Graefe sehr am Austausch gelegen war. Wahrscheinlich waren diese Gespräche für die Hörenden nicht relevant genug, um niedergeschrieben zu werden. Was würden wir dafür geben, wenn wir statt mehrerer Mitschriften zu den Augenkrankheiten einen mitgeschriebenen Dialog mit seinen Hörern besitzen würden, um den wissenschaftlichen Austausch an seiner Privatklinik besser begreifen zu können?

So stellen sich uns noch viele offene Fragen zur Transkription und Edition dieser Texte. Gedanken, welche man sich auch wohl erst macht, wenn man sich mit diesen Texten und ihrer Bedeutung näher zu beschäftigen beginnt.