Albrecht von Graefe, die Succinationsmethode und die Medizingeschichte

Albrecht von Graefe ging in die Geschichte als ein Arzt ein, welcher sich immer für eine faktenbasierte Medizin auf der Grundlage von Statistik und Experimenten einsetzte. Manchmal führt allerdings genau diese Vorwärtsgewandtheit zu vorschnellen Schlüssen.

Die Coremorphose ist die OP Technik, mit der man eine künstliche Pupille herstellen möchte. Hierfür gab es verschiedene Techniken, welche Graefe in seinem Operationskurs von 1855 vorstellt. So erklärt er kurz zur Technik der Iridodialysis, dass diese zu viele Risiken aufweist. Alle möglichen Indikationen für eine Iridodialysis können durch die Iridektomie besser operiert werden. Die Iridektomie ist übrigens das Verfahren, mit dem Graefe das Glaukom behandelt hat und weltberühmt wurde.

In Bezug auf die Iridodialysis sagte er abschließend: „Die Ectomie ist im Stande auch ganz randständige Pupillen zu gewähren und wenn dies der Fall ist wenn keine Indication für die Dialysis mehr bleibt, dann werden wir nicht anstehen sie mit allen ihren wohlklingenden Trabanten der Geschichte zu überliefern.“ Graefe möchte diese Technik also in die Bücher der Medizingeschichte verweisen, da sie veraltet und nicht erfolgreich genug waren.

An anderer Stelle spricht Graefe über die Kataraktoperationen. Hier habe ich bei meiner Forschung folgende Passage gefunden: „Die Succionsmethode ist eine Abirrung der operativen Augenheilkunde. Staare die für eine solche Operation paßen, werden am besten durch die Linearextraction entfernt, die lange nicht so verletzend ist.“ Die Succionsmethode war in dieser Form schwer zu ermitteln.

Dazu fand ich einen Beitrag vom französischen Chirurgen und Professor Stanislas Laugier in den Annales d’oculistique aus dem Jahr 1848.

Hier schrieb er „Im Jahre 1847 veröffentlichte ich eine Abhandlung über eine neue Methode der Kataraktoperation. Sie besteht in der Absaugung der flüssigen Bestandteile mittels einer Hohlnadel, die mit einem Pumpenkörper und einem Kolben versehen ist.“ (Ich danke Anna-Lisa Schmidt für die Übersetzung)

Es handelt sich also um Möglichkeiten, den Grauen Staar abzusaugen. Methoden, die Graefe als Abirrungen bezeichnet. Was damals vielleicht zutreffen konnte, ist heute jedoch ganz anders. Der Standard liegt heutzutage in der Phakoemulsifikation: Der Linsenkern wird mit einer Ultraschallsonde zerkleinert und anschließend abgesaugt, ehe eine Kunstlinse implantiert werden kann.

Kann man eine direkte Linie von der Succinationsmethode Mitte des 19. Jahrhunderts zur Phakoemulsifikation ziehen? Wohl kaum. Es zeigt uns allerdings, dass auch Graefe nicht immer zutreffend die Zukunft voraussetzen konnte.

Schlussfolgerung:

Graefes Ansicht, mit den erwiesenermaßen besten Methoden Patienten zu operieren entspricht genau den Forderungen nach evidenzbasierter Medizin. Vielleicht entgehen uns jedoch dadurch Anregungen, auch andere Wege zu gehen, wenn wir wie Graefe sie in das Reich der Geschichte überführen. Auch Kenntnisse und Erfahrungen gehen eindeutig verloren (ein Beispiel wäre hierbei auch die Entbindung mit Forceps (Zange) in der Geburtshilfe, welche heutzutage immer weniger Ärzte beherrschen).

Hierin kann auch die Stärke der Medizingeschichte liegen: Nicht nur im Erinnern, sondern auch im Geben neuer Impulse und Anregungen. Zu Graefes Zeit war eine Methode mit Ultraschall nicht zu denken, aber mit neuen Technologien können vielleicht auch alte Ideen wieder an Aktualität gewinnen.